Dipl.-Ing. Franziska Fischer
Open District – die Farben des Wandels, Hyderabad. Gestaltung eines modellhaften sozial durchmischten Stadtteiles unter besonderer Berücksichtigung des Klimas

Die Diplomarbeit hat meine Neugierde für die spannenden, vielseitigen und vor allem essentiellen Aufgabenbereiche der Fachrichtung der internationalen Stadtplanung vergrößert und meinen Wunsch, in diesem Themenbereich tätig zu sein und gegebenenfalls zu promovieren, verfestigt. Um eine Zusammenarbeit und weitere Kommunikation mit Indien zu fördern, erstellte ich zum schnellen Einstieg in die Thematik eine Kurzfassung und setzte die Arbeit ins Englische. Um die Vergleichbarkeit mit anderen Projekten sowie die schnelle Einordnung zu unterstützen bereitete ich die Arbeit auf und setzte sie in direkten Kontext zu den indischen Normen für Stadtquartiere des Indischen Green Building Council (IGBC). Mittels des Netzwerkes von Prof. Alex Wall und Dr. Peter Gotsch ist eine weitere Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern des IGBC in Indien geplant, die die Arbeit, sowie einige Weitere, als Beispiele präsentieren möchte. Des Weiteren wird die Arbeit im Frühjahr in Karlsruhe im Rahmen der Ausstellung der internationalen Arbeit des Fachgebietes Städtebau und Entwerfen gezeigt und es ist angedacht, die Diplomarbeit auf Konferenzen einzubringen (The 11th Asian Urbanization Conference im Dezember 2011; IIHSs India Urban Conferences im November 2011; The Green Building Conference im Oktober 2011).

Die Stadtbevölkerung Asiens wächst jährlich um fast 44 Millionen Menschen, täglich werden 20.000 neue Wohnungen und 260 km Straßen gebaut. Gleichzeitig wuchs der Energieverbrauch in den letzten 10 Jahren um ca. 70 Prozent. Das immense städtische Wachstum, insbesondere Chinas und Indiens, stellt nicht (nur) eine lokal-räumliche Problematik, sondern eine Schlüsselkomponente nachhaltiger Entwicklung dar. In kürzester Zeit werden riesige Areale entwickelt. Die dominierenden Module sind großformatige, teils fast autarke „Townships“ und „Gated communities“ an den städtischen Peripherien.

Genau dort setzt meine Diplomarbeit an: In der fast 460 km² umfassenden neuen Sonderentwicklungszone am südlichen Rand der indischen Stadt Hyderabad. Durch zahlreiche investitionsfördernde Anreize will die wirtschaftlich aufstrebende Stadt das Gebiet um ihren neuen internationalen Flughafen mittels privaten Kapitals möglichst schnell entwickeln. Dabei bedienen sich viele Investoren, wie andere Beispiele zeigen, westlichen und oft veralteten Vorbildern mit vielen problematischen Lösungen: von veralteten Klimakonzepten, einem Schwerpunkt auf den Automobilverkehr oder einer fehlenden Nutzungsmischung. Zugleich werden diese hauptsächlich für homogene Bewohnerschaften entwickelt und bedienen das lukrativere Segment ökonomisch besser gestellter Bevölkerungsschichten. Die Wohnungsnot in Indien betrifft dabei zu 99% die ökonomisch schwache Bevölkerung. Starke reziproke Abhängigkeiten zwingen diese „illegal“ in Nähe ihrer wirtschaftlichen Grundlage zu siedeln. Im Ergebnis entstehen in diesem fast zufälligen und markt-basierten Prozess „ummauerte Inseln des Wohlstandes“ inmitten einem „Meer von informellen Siedlungen“ ohne jegliche Infrastruktur: eine zerstückelte Struktur ohne Ordnung und erkennbaren Zusammenhang.

Die Problematik ist vielschichtig. Auf ökologischer Ebene haben die indischen Städte, wie auch Hyderabad, mit Wassermangel und -verschmutzung, Smog, mangelnder Infrastruktur, steigendem Energieverbrauch und –bedarf sowie steigendem Verkehrsaufkommen zu kämpfen. Die gesellschaftliche Ebene ist geprägt durch eine immense kulturelle Vielfalt und riesige ökonomische Unterschiede, die sich in sozio-ökonomischer Segregation auswirken. Gleichzeitig besteht eine starke gegenseitige Abhängigkeitökonomisch gut und schlecht gestellter Bevölkerungsschichten, auf sozialer oder finanzieller und im gleichen Zuge, aufgrund einer geringen Mobilität finanziell schwächerer Schichten, auch räumlicher Basis. Eine nachhaltige Planung muss somit neben einem grundlegenden Rahmen muss als sozial- ökologisch belastbares System die unterschiedlichen umweltrelevanten Aspekte und Gegebenheiten berücksichtigt sowie Lebensräume für die unterschiedlichsten sozio-ökonomischen Bevölkerungsschichten integrieren und doch flexibel und vielfältig auf die dynamische Entwicklung reagieren.

Der bestehende Masterplan teilt die Sonderentwicklungszone nach dem Vorbild anderer Planstädte in Nutzungszonen sowie ein Raster aus annähernd 300 Sektoren von 80 Hektar. Der Fokus liegt auf großflächigen Entwicklungen sowie der Ausrichtung auf den Automobilverkehr. Der Ansatz einer sozialen Mischung ist vorhanden, scheitert jedoch an der Umsetzung, da er die Lebensräume und – umfelder sowie die Bedeutung und Vielschichtigkeit des Straßenraumes ignoriert. Die Diplomarbeit entwirft exemplarisch auf einem Areal von 280 Hektar einen, aufgrund seiner Lage, eher dichten Stadtteil für 50.000 Einwohner. Die Grenzen werden von vorhandenen Gegebenheiten wie Gewässer oder bestehenden Straßenverbindungen geformt. Auf bestehende ökologische Probleme reagiert der Stadtteil schon in der Grundstruktur: Die Gewässer werden in einen Grünraum eingebettet, das strikte Sektorenraster wird modifiziert, aufgrund von Klimaeinflüssen gedreht und ermöglicht im gleichen Zug die bessere Integration der bestehenden Siedlungen. Durch Steuerung der Gebäudehöhen wird Lärm und heißer Wind ferngehalten oder Übergänge zum 1-geschossigen Bestand der Dörfer geschaffen. Lineare Grünräume leiten den kühlen Wind ein und werden je nach Lage mit unterschiedlichen Nutzungen belegt. Die schnelle Anbindung des Stadtteils wird durch Schnellstraßen und ein Rapid Transit System gewährleistet. Die innenliegenden Straßen werden zugunsten einer multifunktionalen Zone, der „Indischen Zone“ auf 2 Spuren reduziert und ein öffentliches Busnetz eingerichtet. Der Straßenraum erhält Platz für seine Vielfältigkeit. Öffentliche Erdgeschosszonen werden gewünscht. Somit kann ein buntes, städtisches Quartier entstehen, das die Grundlage für eine Durchmischung des Stadtteils bildet, und langfristig einen flexiblen, qualitativen und funktionstüchtigen öffentlichen Raum gestaltet.

Die Frage einer sozialen Mischung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen ist ein Kernpunkt der Diplomarbeit. Ein theoretisches Benutzermodell vereinfacht das breite Spektrum der indischen Gesellschaft anhand ökonomischer Verhältnisse auf 4 Bevölkerungsgruppen. Die Analyse zeigt, dass die Bedürfnisse, Lebenslagen und Wohnumfelder so unterschiedlich, oft widersprüchlich zueinander und kaum vereinbar sind, sodass eine gewisse räumliche Trennung der Wohnsituationen und der Wohnumfelder nötig ist. Möglichkeiten zur Verknüpfung der verschiedenen Gruppen bilden religiöse sowie kulturelle Einrichtungen. Diese sind zusammen mit öffentlichen Plätzen an einer Zentrumsachse angelagert, der „Begegnungszone“. Ein Fußwegenetz führt die getrennten unterschiedlichen Quartiere auf dieser linearen Achse zusammen. Die soziale Infrastruktur ist bedarfsorientiert bemessen und in fußläufigen Distanzen im Stadtteil verortet. In Punkto Handel, Versorgung und Arbeit gilt es beides zu bieten, kleine Läden und Handwerksbetriebe, sowie die Malls, den Großhandel und großflächige Büros. Die Erdgeschosszonen entlang der inneren Straßen und der Zentrumsachse werden mit den kleinteiligen Funktionen bespielt und stellen zusammen mit den Attraktoren der Begegnung das “traditionelle Innere” dar. Entlang des äußeren Gürtels, der „schnellen Achsen“ mit Durchgangsverkehr, werden dagegen die modernen Bürobauten, die Malls und Läden mit hochwertigen und nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung erschwinglichen Waren angesiedelt. Im Endergebnis entsteht ein Stadtteil, der vielfältige Ansprüche deckt, einen lebendigen, gleichzeitig ruhigen Kern bildet und sehr gut erreichbar bleibt.

Anhand der Analyse der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ist es möglich, geeignete Wohnformen und Typologien zuzuordnen und im Stadtteil, anhand der gesetzten Vorgaben im Stadtteil zu verorten. Vier Typologien dienen als Vorschläge für die Entwicklung verschiedener Orte und Quartiere. Drei davon werden im Rahmen meiner Arbeit näher betrachtet und anhand von drei Beispielfamilien erklärt.