Dipl. Geoökol. Susanne Miethaner
(Fakultät für Bauingenieur-, Geo- und Umweltwissenschaften, Institut für Wasserwirtschaft und Kulturtechnik)
Bewertung urbaner Fließgewässer - Methodenvergleich und Entwicklung eines neuen Bewertungsansatzes

Während man sich in der freien Landschaft schon seit längerer Zeit bemüht, Fließgewässer naturnäher zu gestalten, wurden die ökologische Funktion und das Entwicklungspotential städtischer Gewässer lange Zeit kaum beachtet, obwohl es sich gerade hier um besonders stark vom Menschen beeinflusste Ökosysteme handelt und eine nachhaltige Bewirtschaftung notwendig ist. Erst in den letzten Jahren haben sich viele Projekte mit der Umgestaltung urbaner Fließgewässer befasst. Im Zentrum der Maßnahmen stehen ökologische (aquatische Durchgängigkeit, strukturreiches Gewässerbett) ebenso wie sozio-kulturelle Aspekte (Zugänglichkeit, ästhetische Gestaltung). Trotz enger Restriktionen (z.B. Hochwasserschutz, geringes Flächenpotential) und unterschiedlicher Entwicklungsziele werden in der bisherigen Bewertungspraxis im urbanen Raum die gleichen Methoden wie in der freien Landschaft angewandt. Die Entwicklung speziell für den städtischen Bereich geeigneter Bewertungsverfahren befindet sich noch in den Anfängen. In einem ersten Schritt wurde deshalb im Rahmen der Diplomarbeit mit Hilfe eines Methodenvergleichs untersucht, ob existierende Bewertungsverfahren für die Anwendung an urbanen Fließgewässern geeignet sind. Dafür wurden vier Bewertungsmethoden an repräsentativen Fallbeispielen urbaner Fließgewässer angewendet. Ausgewählt wurden die „Strukturkartierung“ nach LAWA (2000) und LUA NRW (2001), die österreichische „Methode zur Beurteilung des hydromorphologischen Ist- Bestandes“ (MÜHLMANN 2005), der englische „Urban River Survey“ (BOITSIDIS ET AL. 2006), sowie einzelne Bewertungsmodule nach KAISER (2005). Dabei wurde deutlich, dass die untersuchten Verfahren zur ökomorphologischen Bewertung zu wenig an die spezielle Situation städtischer Fließgewässer angepasst sind, um eine differenzierte Defizitund Potenzialanalyse zu erlauben. Dies gilt z.B. im Hinblick auf ihre zu strengen Leitbilder, die zu geringe räumliche Auflösung und die unzureichende Erfassung der aquatischen Durchgängigkeit. Die erprobten sozio-kulturellen Bewertungsmodule nach KAISER (2005) stellen dagegen eine wichtige Ergänzung der bisher nur naturschutzfachlich orientierten Bewertungspraxis dar. In einem zweiten Schritt wurde aus den Ergebnissen des Methodenvergleichs und Anregungen aus der Literatur ein neuer Ansatz für die ökomorphologische und sozio-kulturelle Bewertung urbaner Fließgewässer entwickelt. In Anlehnung an BAUMGART (2003) und das Konzept des Biotopverbundes (u.a. JEDICKE 1994) wurde ein neues Leitbild „urbane Fließgewässer als Korridorbiotop“ entworfen. Zentrale Inhalte sind die Gewährleistung bzw. Herstellung der aquatischen Durchgängigkeit und die von verschiedenen Autoren formulierten Mindestanforderungen für urbane Fließgewässer. Es wurden 18 Indikatoren zusammengestellt, um die zwei Bereiche „Strukturvielfalt“ und „Aquatische Durchgängigkeit“ zu bewerten. Für jeden Indikator wird eine Bewertungsmatrix vorgestellt. Neu ist dabei insbesondere die Bewertung der aquatischen Durchgängigkeit, die an jedem Wanderungshindernis eine nach Tiergruppen getrennte Beurteilung ermöglicht. Für die sozio-kulturelle Bewertung werden auf Grundlage der von KAISER (2005) formulierten Bewertungsmodule acht Indikatoren für die Bereiche „räumliche Integration des Gewässers“, „Attraktivität des Gewässerraumes“ und „Zusatzinformationen“ zusammengestellt. Der dreigliedrige Aufbau des entwickelten Verfahrens (Strukturvielfalt, aquatische Durchgängigkeit, sozio-kulturelle Bewertung) erlaubt nicht nur eine gezielte Defizitanalyse, sondern ermöglicht auch die Ableitung konkreter Maßnahmen. Nach einer Umgestaltung können die erzielten Erfolge durch eine erneute Bewertung unterstrichen werden. Dies ist nicht nur politisch von Bedeutung, denn der Nachweis (Berichtspflicht) des Erreichens des „guten ökologischen Potenzials“ wird auch in der EUWRRL gefordert. Diesen Anforderungen entspricht auch die gesonderte Bewertung der Durchgängigkeit.

Preisgeld: 1.000 Euro für Dipl. Geoökol. Susanne Miethaner – Diplomarbeit